Komplexität beherrschbar machen: Wie Stadtwerke Energieprojekte in den Betrieb bringen

Die Energiewende wird zunehmend digitaler, dezentraler und komplexer. Für Stadtwerke bedeutet das: Es reicht nicht mehr aus, einzelne Technologien einzuführen. Entscheidend ist, wie Messsysteme, IT, Hardware, Marktprozesse und operative Abläufe zu einem funktionierenden Gesamtsystem zusammengeführt werden.

Genau darüber haben René Böringer, Co-Founder und CEO der Cuculus GmbH, und Aurelius Wosylus, Geschäftsführer der neugemacht GmbH, bereits in der „Future of Energy“-Publikation gesprochen. René Böringer beschreibt dort einen stark fragmentierten Markt, in dem Stadtwerke mit einer Vielzahl spezialisierter IT-Anbieter und Einzellösungen arbeiten müssen. Aurelius Wosylus stellt dem eine durchgängige Umsetzungskette gegenüber – vom Angebot über Bestellung, Lieferung und Installation bis hin zu Betrieb, Datenvisualisierung und Abrechnung.

Die zentrale Frage ist damit nicht nur, welche Technologie benötigt wird, sondern vor allem: Wie lässt sie sich zuverlässig in den bestehenden Betrieb integrieren?

Bestehende Strukturen weiter nutzen
Für viele Stadtwerke ist ein kompletter Neuaufbau weder notwendig noch realistisch. Bestehende IT-Systeme, Prozesse, Mitarbeitende und Partnerstrukturen sind über Jahre gewachsen und erfüllen wichtige operative Funktionen.

Ein praktikabler Ansatz sollte deshalb nicht darauf abzielen, bestehende Strukturen vollständig zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, neue Komponenten dort zu ergänzen, wo sie tatsächlich benötigt werden, und sie sauber in die vorhandene Systemlandschaft einzubinden.

Das gilt sowohl für Software als auch für Hardware und operative Dienstleistungen. Neue Zähler, Gateways, Steuerungstechnik oder Energiemanagementsysteme entfalten ihren Nutzen erst dann vollständig, wenn Installation, Datenkommunikation, Marktprozesse, Abrechnung und laufender Betrieb ebenfalls funktionieren.

Gerade kleinere und mittlere Stadtwerke profitieren deshalb von einem modularen Ansatz: mit einem konkreten Projekt beginnen, Erfahrungen sammeln und die Lösung anschließend schrittweise erweitern.

End-to-End bedeutet mehr als eine technische Plattform
Der Begriff End-to-End wird im Energiemarkt häufig verwendet. In der Praxis reicht eine zentrale Plattform allein jedoch nicht aus.

Ein Projekt muss über die gesamte operative Kette funktionieren: von der Planung und dem Angebot über die Bestellung der Komponenten, Logistik und Installation bis zur Inbetriebnahme. Danach folgen Messwertverarbeitung, Marktkommunikation, Visualisierung, Abrechnung und laufender Betrieb.

Genau an diesen Übergängen entstehen häufig zusätzliche Schnittstellen und Verantwortlichkeiten. Je mehr unterschiedliche Systeme, Hersteller und Dienstleister beteiligt sind, desto wichtiger wird eine klare Orchestrierung.

Ein skalierbares Betriebsmodell muss deshalb nicht nur technisch offen sein. Es muss auch die organisatorischen und operativen Prozesse dahinter abbilden.

Stuttgart-Vaihingen: gGV im realen Betrieb
Das Projekt zeigt, wie sich gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (gGV)  auch bei komplexen Anforderungen praktisch umsetzen lässt.

Dabei werden unterschiedliche technische und energiewirtschaftliche Bausteine in einem gemeinsamen Mess- und Betriebskonzept zusammengeführt.

Zum Einsatz kommen unter anderem:

  • eine Photovoltaikanlage,
  • ein Stromspeicher,
  • eine zentrale Wärmepumpe,
  • Ladeinfrastruktur an den Stellplätzen,
  • die Integration eines Home Energy Management Systems,
  • virtuelle Zähler,
  • ein dynamischer gGV-Verteilschlüssel.

neugemacht übernimmt hier nicht nur technische Teilaufgaben. Zum Projekt gehörten auch Rollout und Installation vor Ort sowie der Betrieb als wettbewerblicher Messstellenbetreiber. Auch werden die std. 15-Minuten Werte der virtuell generierten Zähler via Mako in den Markt kommuniziert.

Über das neugemacht EnergiePortal stehen sowohl dem Betreiber als auch den Endkunden weiterreichende digitale Funktionen zur Verfügung. Hierzu gehören u.a. Vertragsmanagement, Mieterwechselprozesse, individuelle gGV-Tarifierungsmöglichkeiten, automatisierte Rechnungserstellung und -Bereitstellung.

Damit wird sichtbar, was End-to-End in der Praxis bedeutet: Nicht eine einzelne Technologie steht im Mittelpunkt, sondern das funktionierende Zusammenspiel von Messung, Steuerung, Daten, Marktprozessen und Abrechnung.

Vom einzelnen Projekt zur skalierbaren Struktur
Ein einzelnes Gebäude ist dabei nicht das Endziel, sondern kann ein sinnvoller Einstieg sein.

Stadtwerke können komplexe neue Anwendungen zunächst in einem überschaubaren Projekt testen. So lassen sich technische Schnittstellen, operative Abläufe und Verantwortlichkeiten im realen Betrieb prüfen, bevor größere Rollouts folgen.

Gerade bei Anwendungen wie gGV, Mieterstrom, Energy Sharing oder steuerbaren Verbrauchseinrichtungen ist dieser schrittweise Ansatz relevant. Denn mit jeder neuen Anwendung steigt nicht nur die technische Komplexität, sondern auch die Zahl der beteiligten Marktrollen und Prozesse.

Die Herausforderung liegt deshalb weniger darin, möglichst viele neue Systeme einzuführen. Entscheidend ist, eine Struktur aufzubauen, die sich erweitern lässt.

Umsetzung wird zum entscheidenden Faktor
Die Technologien für viele Anwendungen der Energiewende sind bereits verfügbar. Die eigentliche Herausforderung verschiebt sich zunehmend von der technischen Machbarkeit hin zur operativen Umsetzung.

Für Stadtwerke bedeutet das: Neue Geschäftsmodelle müssen sich in bestehende Systemlandschaften integrieren lassen, mit vorhandenen Partnern funktionieren und im täglichen Betrieb beherrschbar bleiben.

Genau hier liegt der Wert eines modularen End-to-End-Ansatzes. Er ermöglicht es, bestehende Strukturen weiter zu nutzen, neue Komponenten gezielt zu ergänzen und zunächst mit konkreten Anwendungen zu starten.

So wird aus einem Konzept ein funktionierender Betrieb – und aus einem einzelnen Projekt eine Grundlage für weitere Anwendungen.

Ausgangspunkt für diesen Beitrag ist das Interview mit René Böringer und Aurelius Wosylus in der „Future of Energy“-Publikation 2026.

 

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